TINA STROHEKER
Regenbogenflagge
Die einzige, die mir lieb ist. Fahnen-Scheu meiner Generation, doch mit ihr mag ich Flagge zeigen. Also wird sie unter die Leute gebracht, Farbe bekannt mit ihren Farben. Keine Flagge leuchtet wie sie. Doch hinter dem Leuchten Düsternis. Erst musste Harvey Milk* sterben, bevor die Flagge aus San Francisco an immer mehr Orten gehisst wurde. Und während du in San Francisco über regenbogenfarbene Zebrastreifen spazierst, werden anderswo die Rechte derer, für die die Fahne steht, mit Füßen getreten. Und die Menschen. Altes Bild, Regenbogen als Brücke zwischen Menschen und dem, was sie verehren. Ob eine griechische Göttin das Lichtband als Boulevard zwischen Himmel und Erde nutzt, der biblische Gott nach der Sintflut unter dem Bogen seinen Bund mit den Menschen erneuert, sogar wenn ein ziemlich irdischer irischer Kobold mit einem Goldschatz zu seinem imaginären Ende lockt – die Gedanken sind unterwegs zu Orten somewhere over the rainbow. Und doch ist die Flagge weltlich, preist das Leben und dient einem Bekenntnis mit Herz und Mund. Im Herzen will sie uns stärken, mit dem Mund kundtun lassen, dass es uns gibt. Und das noch vieles zu tun ist.
*Harvey Bernhard Milk (1930-1978), amerikanischer Politiker und Bürgerrechtler
(aus: Klöpfer, Hubert & Weiß, Thomas (Hrsg.): Gespräche über Bäume. Gedichte zur Demokratie. Eine Anthologie. In Zusammenarbeit mit dem PEN-Zentrum Deutschland. Stuttgart: Kröner, 2025, S. 131)